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          Politik    09      Feb. 2006           Discl. |  Impr.

Twilight Zone - Klosterneuburg leben lassen bis zum Tod...

Dr. Peter Maria Schuster
Oberneuberg 78, A-8225 Pöllauberg/Stmk, Austria
t: +43(0)3335 4850,  mobil: +43(0)676 6o65309,
f: +43(0)3335 4851,
m: peterschuster@eircom.net 
w:
http://web.utanet.at/parole/index.html

Am 26.10.1939 in Wien geboren.
Studium der Geschichte, Japanologie, Mathematik
und Physik in Wien.
1967 Promotion zum Dr. phil. in Physik.
1969 Industrielaufbahn als Physiker in De.
Leiter des Gesamtbereiches Marketing
bei Carl Zeiss in Oberkochen/Deutschland.
1976 Aufbau des Industriebetriebes
AOL-Dr. Schuster, Analytik, Optik, Lasertechnik.
1987 Erkrankung an Kehlkopfkrebs. Abgabe aller Firmenanteile.
Seit 1988 freier Schriftsteller, lebt in Pöllauberg/Steiermark, Wien und Donegal/Irland
2000 Mitglied des Österreichischen P.E.N-Clubs.
2004 Goldenes Verdienstzeichen des Landes Salzburg, überreicht v. LHptfrau Gabi Burgstaller
2005 Vorsitzender des Fachausschusses "Geschichte der Physik" der Österr. Physikalischen Gesellschaft (ÖPG)

 
10.02.2006 17:25 von Dr. Peter M. Schuster
Twilight Zone  oder  
"Vom Leben und Sterben einer Stadt des Weines und des Weinens" 

In Klosterneuburg wird viel gestorben und selten geboren, es wird häufig gependelt und wenig gelebt. Bericht aus einem Ort der Unbestimmtheit.
 
Durchgestrichen. Eine Stadt zum Vergessen. Am Weg ins Niemandsland. Eine Totenstadt: Durch die Diskussionen um den Standort der "Eliteuni" im Moment zwar im Fokus medialen Interesses. Jedenfalls aber weiß man in Klosterneuburg, mit Tod und Reblaus umzugehen.
Fotomontage: Karl Lux

Seit sieben Jahren,
seit ich vom neunten Wiener Stadtbezirk nach Klosterneuburg gezogen bin, bedrückt mich das Gefühl zu wissen, warum Kafka, Lenau und Mattauch – falls Sie den Namen Mattauch nicht kennen, bitte kränken Sie sich nicht! – hier gestorben sind, gerade hier, wo ich nach einer lebensbedrohenden Operation nur gezogen bin, um den Dämonen zu entwischen,
also um überleben zu können


Ich dachte, das sei so wie in Deutschland,
wo ich ebenfalls sieben Jahre in einer Kleinstadt aus beruflichen Gründen zugebracht und so wie hier in diesen sieben Jahren drei Kinder bis zur Schulreife mit großgezogen hatte,
so zwischen Stadt und Land, was ich liebe, so mittendrin, wo man noch unentschieden und noch nicht festgelegt sein kann. – Unentschlossen zu sein, hat das im Krieg nicht geholfen sich herauszuhalten? Aber die Leute hier sind nicht unentschlossen. Sie sind todesähnlich, die Klosterneuburger, unbeweglich und tot.
Ich bin da hereingeplatzt und werde sofort an den Rand gezogen, halte mich nur durch fortgesetztes Gehen – nach Wien hinein, aus Wien heraus – in der Mitte, wie die Pendler, die in Klosterneuburg schlafen, in Wien arbeiten, aber der echte Klosterneuburger pendelt nicht, er hockt in der Weinstube, ruhig, unbeweglich und still.

Ich hätte es wissen müssen
ich, der unentwegt gehen muss, um überleben zu können –, dass ich nie ein
Klosterneuburger werden kann. Klosterneuburger, die im Leben bloß sitzen, sich den Tod ersitzen – während die anderen, welche immer nur von Wien nach Klosterneuburg und von Klosterneuburg nach Wien fahren, zwischen Wien und Klosterneuburg also hin und herpendeln, und hier nur schlafen und sterben oder tot hergeholt werden wie Lenau, der dazu ja noch verrückt war, sich den Tod im Liegen holen. Denn der echte Klosterneuburger ersitzt sich den Tod, so wie sich andere den Tod erliegen, wie Kafka, oder wie Lenau,
der nicht mehr sitzen konnte, oder wie Mattauch. Falls Ihnen der Name Mattauch noch immer unbekannt ist, bitte beruhigen Sie sich, Sie bleiben trotzdem noch dem
gehobenen Bildungsstand in unserem Land zugehörig.

Die Krähen,
die tagsüber in Wien rings um die Nervenheilanstalt Steinhof lagern, ziehen abends wie Geier – wahre Pendler! – über die Nervenheilanstalt Klosterneuburg- Gugging in die
Auen und in der Früh wieder zurück nach Wien zur Nervenheilanstalt Steinhof. Auch der
Herr Bürgermeister in Klosterneuburg ist nur zeitweise hier, hat einen anderen Beruf, pendelt zwischen Beruf und Bürgermeisteramt. Und die Leute, die ja auch pendeln,
finden das immer gut, einen Pendler als Bürgermeister zu haben.
Ich, der ich beruflich nicht mehr in die Stadt muss, habe das längst durchschaut. Ich
spiele hier den echten Klosterneuburger, und spüre schon, wie der Gegner sich an mich heranbohrt, heimlich wie bei Kafka, der Wahnsinn näher kommt, wie bei Lenau, oder einfach der Tod, wie bei Mattauch – ich weiß, ich dränge Ihnen diesen Namen Mattauch unentwegt auf, aber ich hoffe, wie schon Kleist hoffte, es gäbe neben Menschen, die
sich auf Metaphern, und Menschen, die sich auf Formeln verstünden, auch solche,
denen Metaphern und Formeln etwas bedeuten.
In der Mitte ist es still, dachte ich. Aber es ist – um in der Sprache eines Mattauch zu
bleiben – nur die Stille in der Sperrschicht eines Transistors! Kommt einer von draußen in die Mitte, wird er sofort nach links oder rechts gerissen. Es heißt für ihn Farbe bekennen: "Gehören Sie zu Wien oder gehören Sie zur Provinz!" Ich dachte, ein Klosterneuburger
wäre mittendrin. Gefehlt! Die einen wandern hinein, die anderen hinaus, so lange bis ein Gleichgewicht entsteht, die Kolonnen der Autos beweisen das in der Früh und am Abend.
In der Mitte bleibt es ruhig, aber dort ist niemand. Tödlich ruhig, nur die Alten und Kranken warten hier unbewegt. Kaum rührt man ein Glied, da man noch ein wenig Leben in sich
hat, bewegt sich vorsichtig aus dem Haus, wird man fortgerissen, in den engen Gassen mitgerissen, dabei ist ein unentwegtes Getöse in der Luft, das offensichtlich von der Korneuburger Autobahn herkommt. Dazu eine Spannung der Atmosphäre, unerträglich
ist diese Spannung, man spürt das Ziehen von links und rechts, ist gezwungen sich
sogleich zu entscheiden.

Und ich dachte,
Unentschiedenheit ist heute die Stärke, auf die es ankommt! Aber man lässt uns nicht im abwartenden Aushalten, in der labilen Gleichgewichtslage der Unentschlossenheit. Man fürchtet die Gefahr, man könnte den Gegner wählen. Unentschiedenheit reizt beide
Parteien hier nur noch mehr, einen zu vernichten. Diese zwei Parteien, die sich immer
mehr versteifen und diese absolute, unversöhnliche Polarisation im Klosterneuburger Zustand schaffen. Das "Zwischen- Stadt- und- Land" hat hier einen Schrecken
bekommen, ich fühle mich zermalmt, zerstoßen, und mein Kopf dreht sich hin und her
wie der eines Zuschauers beim Tennisspiel.
In dieser gespannten Ruhe sollten die Dämonen fern bleiben? Kafka hoffte, ihnen
nochmals zu entwischen. Lenau schon nicht mehr, und Joseph Mattauch hatte wohl eingewilligt. Er ist nach dem Tod seiner aus Schweden stammenden, über alles geliebten Frau Esther Maria, aus freien Stücken von seinem Alterssitz in der Sonneninsel Ibiza
nach Klosterneuburg gekommen, nur mit dem einen Wunsch, in Ruhe zu sterben – im Vertrauen auf sein "ziel- und genussloses Warten" – , was ihm hier 1976, vor 30 Jahren, nach einem kurzen Aufenthalt in Heimen, auch gelang.

Das hätte ich wissen müssen,
als ich vor sieben Jahren von Wien nach Klosterneuburg gezogen bin, dass hier nur gestorben wird. Klosterneuburg liegt auch nicht direkt im Norden von Wien, wie die Enzyklopädie Brockhaus fälschlich anführt, sondern zieht sich immer mehr in den Wienerwald hinein, nach Westen, wofür ich jetzt auch die Erklärung habe. Im Westen
liegen bekanntermaßen immer die Totenstädte. Ja, das hätte ich früher wissen müssen, dass Klosterneuburg eine Totenstadt ist, die Totenstadt von Wien.
Hier ist Fritz Eckhardt gestorben, bekannt als Inspektor Marek – für das Fernsehpublikum
in Österreich und Deutschland "unwiderstehlich aufgrund wienerischem Grantler- Charm
und hinter Gemütlichkeit getarnter Intelligenz" – und Karl Dönch, Kammersänger und "Langzeitdirektor" der Wiener Volksoper – aber beide sind nicht hier geboren. Natürlich sind Franz Kafka und Nikolaus Lenau, die, wie ich erwähnt habe, hier gestorben sind,
nicht hier geboren. Keiner der Künstler, die hier gestorben sind, ich nenne noch
Felix Braun und den Journalisten Bruno Frei, sind hier geboren. Ich kenne nur einen Künstler, der in Klosterneu-burg geboren ist, den Lyriker Otto Laaber, der hat aber rasch darauf Selbstmord verübt. Nicht nur Künstler, auch Naturforscher haben Klosterneuburg
zum Sterben gewählt, aber keiner von ihnen wurde hier geboren. Der Biologe Otto Koenig ist zwar in Klosterneuburg gestorben, aber nicht geboren. Auch Joseph Mattauch, über
den ich, wie Sie bereits gemerkt haben, gerne sprechen möchte, da er so völlig
unbemerkt von der Wissenschaft und der Öffentlichkeit hier gestorben ist, ist nicht in Klosterneuburg geboren.

Er war der weltweit prominenteste Forscher
auf dem Gebiet der Präzisionsmessungen der Atommassen. Mit seinem Schüler hatte er einen neuen Apparat in Wien entwickelt, das "doppel fokussierende Massenspektrometer" war nach dem Krieg als Nachfolger von Otto Hahn in Mainz Direktor des Max-Planck-Instituts für Chemie, das er zum Mekka für Massenspektrometrie machte, baute dort das größte existierende Massenspektrometer und setzte durch, dass als neue
kernphysikalische Masseneinheit der 12. Teil der Kernmasse des Isotops Kohlenstoff-12 anstelle des 16. Teils von Sauerstoff-16 international eingeführt wurde. Als mir bewusst wurde, dass neben bekannten Künstlern auch unbekannte Naturforscher Klosterneuburg zum Sterben gewählt hatten, habe ich die Daten von über eintausend österreichischen Wissenschaftlern eingesehen: kein einziger ist in Klosterneuburg geboren, aber viele
von ihnen sind hier gestorben.

"Hier wird nur gestorben, geschlafen und – geschissen!"
Sagt meine Frau, die als Luxemburgerin ein wenig direkt ist, "aber geboren und gelebt
wird in Wien", weshalb meine Kinder wohl auch Kloburg sagen, dem ich mich oft gedankenlos, jetzt aber der Kürze halber anschließen möchte. Bitte lesen Sie das
Amtsblatt der Stadtgemeinde, das an die Kloburger Haushalte verschickt wird: auf mehreren Spalten sind darin die Sterbefälle angeführt, die Geburten benötigen nicht
einmal eine halbe Spalte.
Ich habe darauf den Herrn Bürgermeister kennen gelernt – der sich unentwegt bemüht, Wohnmöglichkeiten für die lebensflüchtigen Städter zu finden, was bewirkt, dass Kloburg inzwischen bereits die teuersten Bodenpreise und Mieten in Niederösterreich hat – und habe mit ihm sogar gesprochen, obwohl ich nur mehr selten spreche und wenn, dann nur mehr sehr leise. Ich habe auch Frau Oberschulrätin in Kloburg kennen gelernt. "Frau Oberschulrätin", habe ich gesagt, obwohl ich nur mehr selten spreche und wenn, dann nur ganz leise, "die Lehrerin für Religion verbietet den Kindern während der Religionsstunde
auf die Toilette zu gehen und tadelt die Kinder, die deshalb zappeln." Und dann äußerte
ich noch, da keine der Eltern es gewagt hatten, etwas zu äußern, dass eigentlich noch nie ein Lehrer an seiner Unwissenheit gescheitert sei, sondern vielmehr daran, dass er nicht
mit seiner Klasse zurechtkomme. Auch den Briefträger haben wir kennen gelernt, der
uns mit großer Genugtuung und Alkohol duftend die Strafmandate bringt, die ich von
den Fahrten nach Wien einsammle, denn in Wien machen sie ja Jagd auf die Autos
mit Kennzeichen WU.

Ich kenne drei Sorten von Autofahrern mit WU:
Die, welche bei Billa einkaufen, die, die zum Meinl gehen, darunter die Akademiker –
sie werden von den Kassadamen mit Herr und Frau Doktor angeredet – und dann die, welche mit dem Taxi aus den Pensionistenheimen zum Einkaufen kommen, meine Frau nennt sie die "Caritas-Damen", diese gehen zum Spar. Dorthin gehen wir manchmal
auch einkaufen, den Hundekackaweg den Bach entlang. Die Kinder sagen: "Gehen wir
den Hundekackaweg!" Das hat den Vorteil, dass wir uns angewöhnt haben, die Schuhe beim Betreten unseres Hauses auszuziehen oder gleich wegzuwerfen, wenn sie nicht
mehr gewaschen werden können – in den Restmüll, den die Gemeinde Kloburg vierzehntägig beseitigt. Unsere Gemeinde unterscheidet sich von anderen Gemeinden,
der Abstand der Senkgrube zum Brunnen muss 10 Meter sein. Im Westen Österreichs
sind 15 Meter verlangt, im Burgenland nur 8 Meter. Auch in Bezug auf die Senkgrube
liegt Kloburg wieder mittendrin!

Nein! Ferdinand Raimund hat sich nicht in Klosterneuburg erschossen,
es war 1936, vor 70 Jahren, aber er hat hier Moisasurs Zauberfluch geschrieben! Hier wagte er, wie er selbst in dem Epilog nach der Erstaufführung im Theater an der Wien sprach, erstmals "im düstern Trauermantel zu erscheinen, der mit des Scherzes
Flittergold nur leicht verbrämt" war. Viele wunderten sich, wie der Kritiker der "Abendzeitung", "dass ein so ausgezeichneter komischer Schauspieler, während er
durch sein Spiel auf der Bühne allgemeine Fröhlichkeit verbreitet, in seinen dramatischen Werken sich immer mehr zum Düstern hinneigt und sich die Träne zum Ziel setzt". "Ja,
oft weht durch die Szenen des Scherzes und der Laune ein trüber Geisteshauch herüber, gleichsam neidisch über das rege, frohe Leben sich hineinmengend mit bösem Spuke".
Raimund selbst bezeichnet sein neues Werk als ein "ernstkomisches Zauberspiel" –
aber der Hauptton lag beim Ernsten. Dabei hat er das Drama im Frühling 1827 unter glücklichen seelischen Voraussetzungen "angefangen ... an der Seite meiner lieben Antonie" und "geendet ... in Gegenwart meiner teuren Antonie". Kurz danach findet sich aber der alles erklärende Hinweis: "Actus 2 begonnen ... auf dem Kirchhof in Klosterneuburg- Weidling".

Nein! Begleiten Sie mich nicht auf meinem Sonntagsspaziergang zum Weidlinger
Friedhof: ersparen sie sich den deprimierenden Anblick! Man spürt förmlich die
Feindschaft zwischen den kleinen Häusern! Kein Ausblick! Kälte, Moos auf den Steinen. Wieso konnte auch noch der Tod in dieser Stadt Platz finden! Waren hier die Opfer besonders geschwächt und wehrlos, wurden hier die Geier um ihre Köpfe nicht verjagt,
der Sturm über ihnen nicht besänftigt? Hat er sie hier überfallen können, der Gegner,
und sich langsam und still an sie herangebohrt, so dass sie nicht mehr flüchten konnten?

Und hier dachte Kafka ihnen zu entgehen!
Aber unter gewaltigen Donnerschlägen und roten Blitzen erschien inmitten schwarzer Wolken der beleidigte Dämon allen Übels, Moisasur. "Wie giftig Unkraut" fuhr dies "Ungeheuer mit Drachenflügeln", dessen Namen der "Große Geist" einst in
Flammenzügen auf das Tor der Hölle schrieb, vor ihn hin. "Der Geist der Hölle ließ
alle Rachedämonen los: "Fluch gegen Fluch! Vernichtung gegen Vernichtung".

 
Mensch, Tier und Baum
wurden mit einem Schlag in Stein verwandelt – und wer nun immer sich diesem Lande künftig nähert, soll ein gleiches Schicksal erfahren! Das hätte ich also wissen müssen, als
ich vor sieben Jahren nach Kloburg gezogen bin, dass hier Raimund Moisasurs Zauberfluch geschrieben und dieser schreckliche Fluch dieser Stadt alles Leben geraubt hat.
Schon glaubte ich mich, berichtet Raimund, völlig verloren. Schon fühlte ich die Lockung
des Stromes – da bricht die Sonne "herrlich strahlend" durch die düsteren Wolken und schenkt "höchsten Trost". Mag die Menschenwelt ringsum bösartig sein: die Natur – die
Au – ist gut. "Ihr Wälder, Bäume, grün gekleidet wie mein Hoffen, hört es, ich bin nicht verlassen, nicht verstoßen von der ewigen Sonne!" Auch diese Hoffnung, lieber Ferdinand Raimund, die ich hier hegte, müssen wir begraben! Die Au wird in Kürze wegen einer geplanten Straße abgeholzt und Kloburg ist Spitzenreiter bei den Ozonwerten. Ich weiß das, brauche dazu keine Werte nachsehen, denn seit der Bestrahlung mit Kobalt spüre ich das.

Das Wetter in Kloburg ist von höchstem wissenschaftlichen Interesse.
Hier spürt man stark wie nirgendwo die Spannung zwischen Ost und West: Vor dem Haus Ostwind, hinter dem Haus Westwind! An manchen Tagen sehe ich vom Balkon den Regen
in Wien, doch bei uns herrscht strahlender Sonnenschein, aber meisten ist es umgekehrt, und wir haben Regen und sehen die Sonne über der grauen Dunstglocke in Wien. Es gibt Tage, da haben wir Nordwestwind an der Nordwestseite unseres Hauses und Südostwind
an der Südostseite unseres Hauses. Der Kopf beginnt dabei anzuschwellen, meine Frau nimmt homöopathische Arzneien dagegen ein, aber bei mir hilft das alles nichts mehr, nur Aspirin hilft, das ich immer nehme, wie Kafka und Lenau es hier immer genommen haben, und ich bin sicher auch Joseph Mattauch.
Im letzten Jahr habe ich 12 Bäume gepflanzt: die Äpfel schmecken nach Dieselöl. Zu
Weih-nachten liebt es meine Frau, Tannenreisig aus dem Garten zu schneiden: er
stinkt nach Ruß.
 
Ab Allerheiligen ist immer Allerheiligen in Kloburg -
bis Ende April. Was mögen diese Heiligen verbrochen haben, dass ihnen gerade dieser
Tag zugeteilt wurde? Meine Frau sagt: "Bitte geh! Ich möchte Dich behalten! Du hast
schon wieder diese Schweissausbrüche". Das hätte ich beachten müssen.
Aber ich dachte, so wie die Kinder fröhlich über die Zwischenräume der Pflastersteine springen, dass dieses Klosterneuburg sozusagen übersprungen wird, aber nein: die Dämonen sitzen in den Ritzen und quellen hervor, wie die Ameisen aus seinen
alten Häusern.

Klosterneuburg wird deshalb nur kurz oder gar nicht mehr erwähnt
in den zahllosen Büchern über die Donau. Dabei entstand im Stift Klosterneuburg 1181
der weltberühmte Emailaltar des Nikolaus von Verdun, ohne dessen Vorbild die gotische Kathedralsplastik Frankreichs gar nicht denkbar wäre. Möglicherweise wurde der Globus
in Klosterneuburg erfunden. Jedenfalls bestand hier 1420 eine kartographische Schule, in der die älteste deutsche Landkarte, eine Karte von Mitteleropa, konstruiert wurde – der
Null-Meridian geht darin mitten durch Klosterneuburg! – einer der Gründe, warum ich
gerade hier Ruhe zu finden hoffte und Zeit, um in der Bibliothek im Augustiner Chorherrenstift, die 1775 Lessing bei seinem Besuch beeindruckt hatte, in 180.000
Bänden und Handschriften zu lesen, in dieser größten und bekanntesten Privatbibliothek Österreichs!

Aber "mitten im fröhlichen Lied" erstand vor mir das Reich des Todes
am schaurigen Gestade der dunkelblauen Donau: "magisch beleuchtet erhob sich sein Palast aus schwarzem Marmor, geziert mit einem kolossalen Eingangstor." Und rief: "Wie kannst Du hoffen, Leben aus dem Tod zu ziehen?"‘ Wie konnte ich nur glauben, hier in der Totenstadt Kloburg wieder zu leben zu beginnen! Dabei war Kloburg im Mittelalter der künstlerische Schwerpunkt Österreichs, der Anziehungspunkt für Minnesänger, Dichter
und Künstler aller Art, und auch noch zur Jahrhundertwende lebte eine Malerkolonie in Klosterneuburg, zu der Friedrich Loos und Kupelwieser gehörten. Anton Bruckner spielte
in der Stiftskirche die große Orgel, und im Marmorsaal trat Egon Schiele mit seinen
Bildern 1908 erstmals an die Öffentlichkeit. Heute ist nur das "Fasslrutschen" und das
Haus für Künstler in der Nervenheilanstalt Klosterneuburg- Gugging noch international bekannt. Aber nicht einmal das hilft, Klosterneuburg einen gebührenden Platz in der Flut
der Donau-Bücher einzuräumen.

Als ich vom Vorplatz des Stiftes,
das von Kaiser Karl VI. als Residenz nach dem Vorbild des spanischen Escorial geplant war, hinunter auf die Stadt sah, ist mir dafür die Erklärung gekommen. Klosterneuburg, das in der Brockhaus Enzyklopädie als Stadt am rechten Ufer der Donau vorgestellt wird, liegt nicht an der Donau. Warum sollte es in Donaubüchern Erwähnung finden? Ich hätte
das früher wissen müssen, dass Klosterneuburg weder im Norden von Wien noch entlang der Donau liegt. Klosterneuburg wurde eingeengt und eingeschnürt. Zuerst hatte sich
die Bahnstrecke zwischen die Stadt und den Donaustrom geschoben, dann sollte die Regulierung der Donau die Stadt gänzlich vom Strom trennen. Und diese Furchen und Einschnürungen, wie Donau, Eisenbahn und Straße setzen sich fort in den tiefen Erosionstälern oberhalb der Stadt, in den Straßen mit den treffenden Namen:
 
Wolfsgraben, Schwarze Au, Teufelssteig, Hundskehle, Seufzerweg, Am Ölberg,
und das alles quillt über von Autos - Ich hatte vorher nie an die Autos gedacht!- bis 35.000 Fahrzeuge wälzen sich täglich durch die Stadt - dazu Straßen wie Grenzlinien, nicht zum Überschreiten! und schmalste Bürgersteige, lebensgefährlich, links und rechts die Häuser, getrennt wie Stadt und Land, und mittendrin, ruhig und still, wie ein Todesstreifen, der Null-Meridian, Niemandsland, das hätte ich bedenken müssen.
Unsere Skallgasse haben sie zur Spielstraße gemacht. Jetzt spielen die Autos mit den Fußgängern, da es keine Gehsteige gibt auf der Spielstraße. Aber es gibt ja keine Kinder, nur unsere Kinder, und es gibt ja keine Fußgänger, denn wer möchte noch auf engen
Straßen gehen, auf denen man um die Kinder Angst haben muss, auf diesem schmalen Bürgersteig, an dem die Auto immer knapper vorbeirasen?
 
Nur einmal im Jahr, da marschieren die katholischen Männer
Wiens, die Agnesstraße hinauf. 1905 hatte Pater Abel damit begonnen, aber da werden
die Straßen für den Verkehr gesperrt. Lautsprecher warnen die Menschen und ein
Gesang, den wir noch im Wohnzimmer hören und der die griechische Musik übertönt
von Georgis Ntalares, die unsere drei Söhne so sehr lieben, da sie so "stark" ist.
Früher war die Fahrrinne, das heißt der tiefe schiffbare Arm der Donau, an der Innenseite des Stromknies verlaufen, so dass die Schiffe unmittelbar an der Stadt Klosterneuburg vorbeifuhren, das früher als Residenz von Markgraf Leopold III "Neuburg" hieß.
Nach 1218 wurde Neuburg geteilt in "Neuburg markthalben", heute Korneuburg, und "Neuburg klosterhalben", heute Klosterneuburg. Beide Siedlungshälften diesseits und jenseits der Donau wurden voneinander getrennt und bis heute gibt es keine Brücke.
Dann wurde die Schiffs-Fahrrinne weit nach links verlegt, in Richtung Korneuburg.

Und Klosterneuburg,
das einstmals zum guten Teil von der Donau gelebt hatte, besitzt heute nicht einmal mehr eine Schiffslandestelle. Es wurde eine Sackgasse, die Welt endet und stirbt in
Klosterneuburg. Der Donauhandel – früher die zweite wichtige Einnahmequelle, nicht nur
als Handelsweg, sie brachte auch durch die Überfuhr gute Einnahmen, bis der Wiener Donauübergang an Bedeutung gewann – hatte so im Laufe des 19. Jahrhunderts
vollständig aufgehört. Industrie konnte sich niemals durchsetzen. Nur so phantastische Konstruktionen, wie etwa eine "Thermo-Lampe" oder eine Anlage zur Gewinnung von Wasserstoffgas aus Holz, und ein Perpetuum mobile, genannt "lebendiges Rad", die in keiner Weise Hoffnungen erfüllten, hat man in Klosterneuburger Kreisen zuwege gebracht.

Blieb nur der Wein!
Seit ältesten Zeiten war der Weinbau die Haupteinnahmequelle der Klosterneuburger.
Beim großen Stadtbrand von 1330 konnten die Emailtafeln des weltberühmten Verduner Altars aus der Feuersbrunst nur gerettet werden, indem man sie mit Wein übergoss. Seitdem lässt sich Klosterneuburg gerne die Weinhauptstadt Österreichs nennen.
Aber nicht nur das Stift und die Bürger betrieben in Klosterneuburg Weinbau. Viele auswärtige Herren besaßen hier Weingärten. Auch Napoleon kam am 20. 12. 1805.
Er besichtigte das Stift, während die Soldaten requirierten.

Alle umliegenden Ortschaften wurden ausgeplündert.
Aus dem Stift wurden alle Weinvorräte weggeführt. Trotzdem: der Weinbau blieb in Klosterneuburg die Haupteinnahmequelle. 1860 wurde sogar eine Obst- und Weinbauschule gegründet. Die erste Landwirtschaftsschule Österreichs und das zweite Institut dieser Art in Europa. Aber als 1868 zu Versuchszwecken etwa zwanzig
Wurzelreben aus North Hoboken in New Jersey bezogen wurden und diese Reben im Wachstum zurückblieben, musste man, es war der 15. Juli 1872, feststellen, dass sie von der Reblaus befallen waren. Der in seiner Heimat harmlose Schädling Phylloxera vastatrix wurde hier in Klosterneuburg plötzlich bösartig, breitete sich über alle europäischen Weinbaugebiete aus und vernichtete die Weinkultur fast vollständig. Sämtliche
Weingärten mussten gerodet werden. – Das hätte ich früher wissen müssen, dass Klosterneuburg nicht im Norden von Wien und nicht an der Donau liegt, und dass die raffinierte Reblaus Kloburg als Einfallstor nach Europa benutzte. Heute zählt die Weinkellerei des Chorherrenstifts aber wieder zu den modernsten Betrieben dieser
Art in Europa, denn in Klosterneuburg weiß man mit Tod und Reblaus umzugehen.

Nach der Reblaus kamen die Nazi.
Nicht nur Österreich verlor 1938 seine Selbständigkeit, auch die Stadtgemeinde Klosterneuburg. Sie wurde an Groß-Wien angegliedert. Alle ihre städtischen Betriebe wurden von der Gemeinde Wien übernommen und gehören ihr zum Teil noch heute.
Trotz hoch tönender Versprechungen geschah für Groß-Wien nichts. Die einzige
Investition der neuen Machthaber in Klosterneuburg war der Bau der Marinekaserne.

Und nach Reblaus und Nazi kamen die Russen.
Ganze Straßenzüge mussten am 8. April 1945 für die Besatzungsmacht geräumt werden. Klosterneuburg wurde als zu Niederösterreich gehörig betrachtet und gehörte zur
russischen Besatzungszone. Bei den Russen gehörte Klosterneuburg zu Niederösterreich, bei den Nationalsozialisten zu Wien! Aber aus Wien kam nichts Gutes. Wien investierte nichts in diese nur halb zugehörigen Gebiete.
Klosterneuburg hatte weder im niederösterreichischen Landtag, noch im Wiener Gemeinderat eine Vertretung. Es war einfach wieder mittendrin, am Null-Meridian.
Am 1. 9. 1954 kehrte Klosterneuburg endlich offiziell nach Niederösterreich zurück.
Heute ist die Totenstadt Klosterneuburg wieder selbständig, das Recht auf den eigenen
Tod setzt sich ja immer mehr durch. Die Kloburger haben das wie eine Erlösung empfunden. Mit 78,20 Quadratkilometer ist es inzwischen eine der an Bodenfläche
größten Städte Österreichs! - die Österreicher hatten ja schon immer ein besonderes Verhältnis zu ihrem Tod!

Meine Frau schickt mich schon wieder fort,
sie sagt: "es wird Zeit, dass Du gehst, wir können dich nicht verlieren."
"Und doch!"
"Kein‚ und doch‘!"
"Doch, die Ärzte in Kloburg trösten, ich habe eine Chance."
"Und so ins Unendliche fort, ich weiß – doch es geschieht, ob Du willst oder nicht.
Und was du willst, hilft nur unmerklich wenig – unser Trost wäre nur: Noch bist Du ein
Geher!" "Noch mehr als Trost ist: Wenn jetzt der Boden unter mir gefestigt wäre, der Abgrund vor mir zugeschüttet, die Geier um meinen Kopf verjagt, der Sturm über mir besänftigt, wenn das alles geschehen würde, nun, dann ginge es ja noch ein wenig".

Peter M. Schuster
(DER STANDARD, Printausgabe vom 11./12.2.2006)
 
Reaktionen:
Eine Wohltat so etwas zu lesen, wenn man sich auch schämen müsste, hier schon so
viele Jahre gelebt zu haben.
Leider, die Einschätzung als schlafende Sterbestadt ist nur zu richtig, ich habe dies ja
auch in meinen beiden Büchern: "Zeitspaziergang durch Klosterneuburg" aufgezeigt.
Wenn uns nun der viel zu lange Langzeitbürgermeister auf Grund des grauslichen Wählerwillens verlassen wird, kann es stolz berichten: KLOsterneuburg, die Wiege der
Genie- (Pionier) Truppen ist Kasernen frei... Na, ist doch eine Leistung für einen teilweise Teilzeitbürgermeister, nicht nur die höchste "BILLA"- Dichte zählt.
Man sagt, wenn man in KLOsterneuburg mit einem Alteingesessenen spricht wäre es
ratsam in unauffälligen Abständen dessen Pulsschlag zu prüfen- er könnte schon Kunde beim "Fuchs" sein... (für Orts-unkundige: Das ist der lokale Pomfüneberer)
OB es gelingen wird aus einer `Dodl- Akademie´ eine Eliteuniversität zu machen, wird an Personal und Umfeld liegen. Böse Zungen behaupten, man solle tunlichst ortsansässige
von Bewerbungen abhalten. Insbesondere wenn sie über ein  Parteibuch verfügen- aber
das kann nur dem seit 11.11.begonnenem Karneval zugeordnet werden.

G. WInterhalder office@alcor.at


Literarische Essays:

  • Und was geschieht mit dem Licht? Physiker, Dichter und andere Reisende. Essays. 248 S, Living Edition.
    € 14,40. ISBN-10 3-901585-08-7. ISBN-13 978-3-901585-08-1  
  • Boltzmann und die Ewigkeit, in: Der Standard, Album A4, 19.08.2006
  • Physik, so luftig wie Poesie, in: Der Standard, Mittwoch, 29. März 2006, S. 16
  • Twilight Zone, in Klosterneuburg: Der Standard, ALBUM, Samstag, 11. Februar 2006, S. A4
  • Die Glücksformel, in: .copy, telekom.zukunftsmagazin, 19, 2004, S.28-30.
  • Santorin, Bilderbuch der Apokalypse, Gedenkblatt für Ioannis Damigou, in: Literatur und Kritik, Otto
    Müller Verlag Salzburg, September 1999, S 14-17;
  • Sheerness-on-Sea mit Uwe Johnson, in: Literatur und Kritik, Otto Müller Verlag Salzburg, Juni 1997,
    S 17-20;
  • Pioniergeist. Josef Loschmidts Domäne war die Welt der kleinsten Teilchen, in: Chemie, 11 (1996), 30;
  • Vom Lebensrad zum Film. Zum 130. Todestag des vergessenen Salzburger Mathematikers und Astronomen Simon Stampfer, in: Salzburger Nachrichten, 16. November 1994, 26;
  • Boltzmanns Briefe, Falter, 10 (1994), 58-59;
  • j = s T4. Josef Stefan- Ein Slowene begründet die weltberühmte österreichische Schule der Physik, in:
    Die Presse, Spektrum, 12./13. Oktober 1991, IV-VI;
  • Mann im Käfig, Vor zweihundert Jahren wurde der britische Naturforscher Michael Faraday geboren, in:
    Die Presse, Spektrum, 21./22. September 1991;
  • Ich versteinere, hörst du? Wiener Intrigantenstadel: Eduard Glaser erforschte trotzdem den Jemen -
    eine Abrechnung, Die Presse, Spektrum, 17./18. November 1990, V-VI;
  • Ich bringe den Funken zurück, Sonne. Nächtliche Wanderung mit Christine Lavant, Die Presse,
    Spektrum, 4/5.August 1990, VI;
  • C6H6, Verschwiegen, verkauft, vergessen: Joseph Loschmidt, der „österreichische Einstein“. Die Presse, Spektrum, 14/15. April 1990, V-VI.
  • Der dritte Traum des Joseph Loschmidt, Falter, 3 (1990), 8-11;
  • Anna Achmatowa, tragische Muse Rußlands, Falter, 49 (1989), 20;
  • Die größere Lichtstärke, Ein Vergleich zwischen den Schicksalen der Unternehmen Zeiss in Deutschland
    und Voigtländer in Österreich, in: Der Standard, Album, 22./23. Juli 1989;
  • Was wissen Sie von der Wissenschaft? Der Standard, 28. Juni 1989;
  • Die Enthüllung des Dopplerporträts, Eine bislang verschollene Daguerreotypie zeigt den bedeutenden Physiker Österreichs, Falter, 30 (1989), 9;
  • Eine Rose für Christian Doppler, Ein Essay für einen Physiker, weltbewegend, unbekannt, Falter,
    15 (1989), 11-14;
  • Nach dem ersten Tod kommt kein anderer, in: Falter, 5, 1989;
  • Macht Österreich zum Reich der Wahrheit! Der Standard, 30. Dezember 1988;
  • Die Wiederkehr des Ernst Mach, Zum 150. Geburtstag des Wiener Physikers und Erkenntnispsychologen, Falter, 8 (1988), 9-11;
          Politik      09